Urheberrecht pt.1

Wer sich derzeit zum Thema Urheberrecht äußert, muss schon ziemlich einen an der Waffel haben. Die Atmosphäre ist vergiftet, und es wird so viel Bullshit - von beiden Extrempositionen wohlgemerkt! - abgesondert, dass man eigentlich eine Hazmat Suit braucht, um sich einen Weg durch die Schützengräben der Meinungsvielfalt zu bahnen. Ach ja, feuerfest sollte der Schutzanzug auch gleich sein, weil man auf jeden Fall geflamt wird, egal was man sagt, und wahlweise ein überholte Privilegien reitender Dinosaurier oder ein langfingriger Internet-Nerd ist; vertritt man nicht eine Extremposition, sondern irgendwas dazwischen, also mehr rational als emotional, kann man sogar beides gleichzeitig sein!

Warum also doch was dazu schreiben? Zum einen, und das ist sicherlich der wichtigste Grund, kann man das Feld ja nicht nur denen überlassen, die am lautesten schreien. Prinzipiell sind das ja fast immer diejenigen, auf die man am wenigsten hören sollte (das ist zumindest eine Strategie, mit der man im Regelfall ganz gut fährt). Zum anderen wird die Debatte in weiten Teilen von Menschen geführt, die sich für alles mögliche interessieren, aber nicht für eines: Urheber. (Fairerweise muss ich anmerken: Zum Glück gibt es auch andere Stimmen.)

Persönlich stehe ich irgendwo dazwischen. Ich lebe rein vom Bücherschreiben, bin mit Computern aufgewachsen und habe mich schon in den Vorläufern des Internets getummelt, als man noch Telefonhörer und Akkustikkopler benötigte. Ich werde also gleichzeitig von der fiesen Contentmafia ausgebeutet, ohne die ich aber auch einen weitaus langweiligeren Job hätte; ich muss damit leben, dass man meine Bücher in verschiedener Form umsonst ziehen kann, kann mich darüber aber auch nicht so richtig aufregen. Ich finde die Ebook-Politik der meisten Verlage ziemlich dämlich, engagiere mich bei Crowdfunding, habe schon Autoren von Freeware Geld geschickt als man dafür noch Briefmarken in Umschläge legen musste, habe einige meiner Texte kostenlos auf meine Seite gepackt, bin gespannt auf die neuen Möglichkeiten unseres digitalen Zeitalters und finde es dennoch richtig, dass ich für das, was ich leiste, auch alle paar Monate bezahlt werde (Disclaimer: solange es Menschen gibt, die meine Text gerne lesen). Immerhin besitzen wir zwei Kater, deren Futter irgendwo her kommen muss - denkt denn niemand an die süßen Katzen?

Das Thema Urheberrecht ist ziemlich komplex, so alles in allem, und es wurde schon viel dazu gesagt. Ich werde in nächster Zeit in loser Form meine Gedanken dazu aufschreiben. Man möge mir bitte schon im Voraus das Mäandern verzeihen; ein so weites Feld zu beackern führt bei meiner Arbeitsweise zwangsläufig zu Abschweifungen.

Mit der ersten Abschweifung fangen wir gleich an: digitale Erreichbarkeit. Verdammt noch mal, wir leben im 21. Jahrhundert, uns wurden fliegende Autos und Raketenrucksäcke versprochen, aber ich kann mir nicht einmal simpel und einfach aktuelle TV-Serien aus dem Ausland auf eines meiner vielen abspielfähigen Devices streamen. Warum sind Medienkonzerne oft so beweglich und grazil wie Öltanker? Da liegt Geld auf der Straße, aber niemand bückt sich, um es aufzuheben. Ermöglicht mir doch bitte, euch Geld für eure Werke zu geben. Und gebt mir diese Werke jetzt. Ich kann mir Streams der Webcam der ISS ansehen, aber legal keine Serie, die aktuell im US-Fernsehen läuft?

In eine ähnliche Kategorie fällt auch das Ebook hierzulande. In diesem Augenblick kostet das Ebook zu "Die Trolle" mehr als die gerade erschienene Taschenbuchausgabe. Mir wurde versichert, dass sich das bald ändern wird, aber das sagt mir als Leser doch nur eins: Ebook-Preise sind nicht marktwirtschaftlich kalkuliert, sondern in Relation zu einer für sie vollkommen unerheblichen Größe, nämlich dem Preis der physischen Ausgabe. Was nebenbei zu Preisen führt, bei denen ich mir selbst als Autor die Frage stelle, ob ich mir meine eigenen Ebooks kaufe (Antwort: eins, zum Ausprobieren). Nach grob geschätzt einer Million Gesprächen und Diskussionen zum Thema mit Kollegen und Leuten aus der Branche scheint mir das eine unter Buchmenschen weit verbreitete Meinung zu sein. Bleibt natürlich die Frage: warum ändert das niemand? Antwort: Öltanker.

Liebe Verwerter, verwertet doch bitte. Zeitnah, mit einfachem Zugriff, zu vernünftigen Preisen. Das kann doch nicht so schwer sein?

P.S.: ACTA ist übel. Das sieht jeder vernünftige Mensch auf einen Blick.

tl;dr:

Urheberrechtsdebatte
saugt gewaltig dank Brüllaffen
Eine Grille zirpt

(Nein, ich bin kein guter Haiku-Dichter; aber Lyrik ist ja der neue Rant.)

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Kommentare

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  1. Matt schreibt:

    Das kann ich gar nicht oft genug unterschreiben.

  2. Casjen schreibt:

    Das deckt sich komplett mit meiner Meinung - also wird nicht geflamt!
    Als Besitzer eines Ebook-Readers und zahlloser Papierbücher stehe ich vor dem Dilemma, dass auf Reisen nur der Reader mitkommt, Zuhause aber meist die Papierbücher gelesen werden. Also hätte ich gerne ein Buch sowohl als anfassbares Exemplar als auch als Ebook - zurzeit muss ich dafür das selbe Buch zweimal bezahlen, bzw. kriminell werden. Da gibt's doch sicherlich auch sinnvolle Lösungsansätze (Downloadcode für Buchbesitzer, entweder umsonst oder für einen geringen Unkostenbeitrag).

  3. Christoph schreibt:

    Es gibt so viele vernünftige Ideen zu Ebooks. Und wie schon im Artikel gesagt, wenn man mit Leuten aus der Verlagsbranche spricht, wissen die das auch. Nur können die halt wenig entscheiden, wenn große Medienkonzerne bestimmte Strategien verfolgen.

    In den letzten Urlauben habe ich auch einen großen Teil meiner Lektüre digital dabei gehabt. Dem Trend werden sich die Verlage nicht auf Dauer verschließen können, und wenn sie es nicht ordentlich angehen, wird das an ihnen vorbei laufen.

  4. Stefan schreibt:

    Es ist sehr schön, mal eine sinnvolle und erfreulich unaufgeregte Meinung zu dem Themenkomplex zu lesen. Vielen Dank dafür.

    Insbesondere aus Nutzersicht kann ich nur voll und ganz zustimmen. Ich möchte ihnen (den Verwertern) ja wirklich mein Geld geben, aber sie lassen mich nicht. Es würde mich zudem sehr erfreuen, wenn mehr von meinem Geld auch bei den Urhebern ankommen würde.

    Tja, und die eBook-Preise... Aus denen spricht allerdings die reine Geldgier - und hier kann ich leider auch nicht "freundlicher formulieren".

  5. Wolfgang G. Wettach schreibt:

    Danke.
    Als Grüner Europapolitiker, der in BaWü auch Netzpolitik mitmacht (und zum selben Parteiflügel gehört wie die kulturpolitische Sprecherin, MdB Agnes Krummwiede) sehe ich das schon als privater Nutzer wie auch aus meiner Sicht auf verschiedene Stationen der Verwertungskette (hatte Kleinverlags GmbH, kleinen Großhandel, größeren Laden, mit Druckschriften und Tonträgern) recht ähnlich. Als Konsument begrüsse ich es, dass zwei kleinere Verlage ihren Hardcovern bereits kostenlose Gutscheine zum EBook beilegen: die Käufer haben das Buch bezahlt und dürfen zB zuhause im raschelnden Papier, in der UBahn im handlichen eBook-Reader lesen.
    Ich würde es begrüßen, HULU oder HBO2GO problemlos bezahlen zu können - die Mühen, denen man sich unterziehen muss, um für Inhalte zeitnah zu bezahlen die es auch schon kostenlos im Internet gibt sind lächerlich.

    Und der Fehler ist nicht dass es das auch unentgeltlich gibt, sondern dass die gängige Lizenzpraxis dazu führt dass ich eine Serie entweder 1 Jahr später auf RTL (und auf Deutsch) oder erst 1 1/2 Jahre später auf DVD sehen darf - oder eben erst 1,5Jahre später bezahlen kann was ich vorher schon genossen habe ((an dieser Stelle ein Lob dem vom Autor Neil Gaiman gern empfohlenen Tunnelbear)).

    Bei Audio sieht der Urheber Leo Laporte für sich das Recht zum Download, wenn die Audio-Verlage versäumen, ihm auf wenigstens einem der gängigen digitalen Vertriebswege die Möglichkeit zur Bezahlung zu geben, was ich gut verstehen kann.
    Und was Blog-Artikel vs Qualitätsjournalismus angeht: Ich freue mich, dass ich diesen Kommentar von dir kopieren darf, während Zeitungsverlage schon zicken wenn Zitate (über die sie sich im Printbereich freuen wie Oskar) auf fremden Webseiten unbezahlt erscheinen. Mit Beachtung des BY-NC-SA natürlich.

    Über einen weiteren Beitrag in der Debatte, zum Thema "Kann man als deutscher Autor vom Schreiben leben und wenn ja warum nicht", würde ich mich freuen.

    Mit grünem Gruß aus Tübingen,
    Wolfgang G. Wetttach

  6. Christoph schreibt:

    Also ich kann das nur aus meiner Erfahrung sagen: seit es recht einfach ist, Musik zu vernünftigen Preisen digital zu kaufen, gebe ich mein Geld gerne den Verwertern/Urhebern. Für gute Filme und Serien würde ich das sofort ebenfalls tun.

    Zeitungsverlage sind eine eigene Problematik. Dass die sich als Urheberschützer gerieren, aber ihre eigentlichen Urheber teilweise mit Total-Buyout-Verträgen abspeisen, hat seine ganz eigene Ironie.

    Ich hatte auf dem Blog schon ein-, zweimal über das Schreiben und das Leben davon geschrieben. Da ich selbst rein vom Schreiben lebe, kann ich sagen: Ja, das geht. Aber ich hatte auch einen hervorragenden Start und sicherlich auch genug Glück. Ich kenne eine ganze Reihe von Autoren, die ebenfalls hauptberuflich davon leben, aber alles in allem muss man schon sagen, dass es schwierig ist. Bei den durchs Netz geisternden Zahlen von "nur 2% können von Schreiben leben" muss man sich natürlich fragen, was die Bezugsgruppe ist, aber der größte Teil der mir bekannten Autoren hat nebenher noch Jobs - oft natürlich schreibnah, wie Übersetzer oder Journalist. Falls da ein Interesse besteht, kann ich das aber gerne mal länger ausführen.

  7. Christoph schreibt:

    Hier ist mal ein Link zu einer Buchkalkulation, die so grob aufzeigt, wie sich Kosten und Gewinn verteilen:

    http://www.voland-quist.de/verlagsblog/buchkalkulation-was-verdienen-autor-und-verlag-an-buchern/

  8. Christoph Lühr schreibt:

    Hallo Christoph, ich habe zwar noch keines Ihrer Werke gelesen, aber Ihre Meinung finde ich sehr vernünftig und verständlich. Ihc werde mal sehen, was sie weiter zu schreiben haben. Ich dachte just über einen ähnlichen Beitrag nach, aber als reiner Kunde.

  9. Christoph schreibt:

    Bis auf die paar Bücher, die ich geschrieben habe, bin ich ja auch Konsument ... ;-)

    Ich glaube, dass eine Meinung irgendwo in der Nähe der meinen recht weit verbreitet ist. In Diskussionen mag es manchmal so scheinen, als ob die aufgeregtesten Stimmen in der Überzahl sind; das liegt in der Natur der Sache.

  10. Susanne schreibt:

    DANKE! :-)

  11. JL schreibt:

    Sehe ich genauso. Besonders der Vergleich ISS-Fernsehen bringt es gut auf den Punkt.

  12. Diana schreibt:

    Wir sollten einen Arbeitskreis der neuen Mitte gründen. Wenn man irgendwo dazwischen steht, ist man auch grunsätzlich ein Angriffspunkt.
    Unter meinesgleichen (=Autorennetzwerk) bin ich bereits eine Persona non grata, weil ich es wage, die Schutzfristen infrage zu stellen und ebenfalls einen wesentlich geringeren wirtschaftlichen Schaden in der Verbreitung von Ebooks vermute als andere.
    Für Piraten & Co. bin ich aber trotzdem reaktionäre Doofnuss, weil ich manches am bestehenden System als gut/ funktionierend empfinde. Ich gebe gern einem Verwerter was ab, wenn er gutes Marketing macht und dringend benötigte Kommata über meine Texte verteilt...


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